Laudatio Dr. Wauschkuhn




Laudatio 26.11.2010, Dr. Annette Wauschkuhn über 

W. Otto Geberzahn, GALERIE BÖHNER


Wenn ich die Bilder von Otto Geberzahn betrachte, meine sehr verehrten Damen und Herren, fällt mir das Wort „viel“ ein. Wir sehen in vielfarbige, vielschichtige, detailreiche Ausschnitte des menschlichen Lebens - dargestellt in vielen unterschiedlichen Techniken und malerischen Stilen, wodurch eine vielfältige Erlebnisdichte der dargestellten Szenen entsteht.

Soviel verrät der erste Blick auf das ausgestellte Werk, das sich aber erst nach mehrmaligem, achtsamen Schauen und Herantasten an die gezeigten Wirklichkeitsebenen dem Betrachter erschließen mag.

Eine farbige, kontrastreiche, facettenreiche Welt öffnet sich dann, die sowohl grelle, laute, als auch zarte, melancholisch weiche Töne in sich trägt.

In ihr agiert die menschliche Figur mit all ihren Möglichkeiten als gedanklichem, kreativem Schöpfer dieser Welt vor allem in ihrer tragischen Verletzlichkeit und ziellosen Orientierungslosigkeit. 

Der Künstler, W. Otto Geberzahn, der sich seit seiner Kindheit mit der Malerei beschäftigte, studierte zunächst Architektur in Karlsruhe, was ihn sich zunächst einem rationalen Formenkanon verpflichten ließ und danach war und ist er nach Jahren im Bauwesen im  Bereich von Design und Kommunikation tätig. Als Chefredakteur verschiedener Designzeitschriften lag sein Hauptaugenmerk sicherlich auf dem durch Form und Farbe geprägten Lebensraum des Menschen. Seit 1992 leitet der vielseitig interessierte Künstler u.a. auch ein Kommunikationsbüro, d.h. er beschäftigt sich intensiv mit den Strukturen menschlicher Kommunikation, in der es auch um Räume menschlichen Lebens geht, nicht um materialisierte,  sondern vielmehr um Ausdrucksräume, die konkret zwischen Dialogpartnern durch Sprache, Mimik, Gestik, Körpersprache  entstehen, in der Welt der modernen Medien jedoch oft verunklärt, verzerrt, unwirklich, virtuell werden

Der Künstler ist Mitglied im Deutschen Werkbund sowie im DJV, viele Publikationen in Zeitschriften und Büchern stammen von ihm, ich möchte sagen, er beschäftigt sich wachen Auges sehr vielseitig, in seiner Kreativität sehr kraftvoll mit den Phänomenen menschlichen Lebens in einer immer schneller werdenden ,rastlosen Welt, die jeder einzelne selbst Tag für Tag so mitgestaltet, indem er immer weniger Zugang zu den eigenen kreativen Potenzialen sucht, sondern auf äußere, vermeintlich Sicherheit versprechende Systeme vertraut.

Wenden wir uns den ausgestellten Werken zu, bemerken wir in den meisten, mit Acrylfarbe gemalten Bildern eine bereits erwähnte Vielschichtigkeit durch verschiedene, über einander gelagert Malebenen, die zumeist transparent erscheinen und wie die zerrissenen, zerklüfteten oder wolkenartig faserigen, fetzigen  Bruchteile vormals homogener Strukturen anmuten. Geberzahn kombiniert pastose, dick aufgetragene Farbschichten mit durchscheinenden lasierend gemalten. Immer wieder verwendet er graphische Elemente, sowie auffallend zum Umraum kontrastierende Konturen. In diesen Kompositionen scheint das Raum – Zeit Kontinuum aufgehoben. Eine dreidimensionale Räumlichkeit mit perspektivischen Gesetzen existiert nicht. Stattdessen entsteht ein räumliches Gefüge meist durch die Überlagerung oder Hintereinanderstaffelung  farbiger Ebenen und Schichten, die manchmal durch genaue Schnittlinien voneinander abgetrennt scheinen, regelrecht zerschnitten wirken, teilweise auch aussehen, als würden sie ineinander fließen.

Angelernte, vorgefertigte, standardisierte Wahrnehmungsmuster werden hinterfragt und relativiert.  Zwischen und in diesen unruhigen, formreichen räumlichen Versatzstücken und graphischen Ornamenten befinden sich menschliche oder menschenähnliche Figuren. Auch diese sind wenigstens auf zweierlei Weise dargestellt. So erkennen wir plastisch gestaltete, malerisch ausgearbeitete Körper mit individuellen Physiognomien, die als Träger menschlicher Emotionalität zu verstehen sind; so zum Beispiel im „Wächter“, in „Unsicherheit“ oder  in „Runde 21“: in diesen Bildern machen sie uns auf psychische Befindlichkeiten der Menschen in ihren verwirrenden, verunklärten, durch viele Reize überlagerten oder sogar zerstörten Lebensräumen aufmerksam. Resignation, Angst, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Identitätsverlust lassen sich erfühlen.

In Kompositionen wie „Zeitgenössische Sklaverei“ oder „Ratio“ aus dem Zyklus „Alles, was möglich ist, geschieht…“ erscheinen schematisch gestaltete, scharf vom Untergrund sich abzeichnende, in der Form reduzierte, flächig dargestellte Männchen, die wie gestanzt aussehen und an Logos erinnern. Entindividualisiert und uniform symbolisieren sie in vielen Kompositionen den Verlust an individuell ausgedrückter Lebenskraft, sie sind vielmehr Symbole der uniformen Gleichschaltung und der braven Anpassung an vorgegebene, von einer äußeren Institution, ausgegebenen Richtlinien, denen man bequemerweise oder aus einem Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins folgt. Obwohl diese Männchen keine Individualität tragen, spürt man aber auch in ihnen die psychische Befindlichkeit. In der Komposition „Halt finden“ schmerzt es, das gelbe, geknickte Männlein mit dem verzweifelten Profil zu sehen und zu fühlen, wie es sich an einem gebogenen Rohr oder Strohhalm mit einer Hand festklammert und dabei immer tiefer im Zellmorast versinkt. Oder bei „Zeitgenössische Sklaverei“, in der getriebene , schattenartige Gestalten durch eine quasi-natürliche Umgebung hetzen, die sich bei genauem Hinsehen als elektronisch verschaltete Pseudo-Natur mit CD-förmigen Blüten an den Ästen der Bäume darstellt.

Immer wieder reißt in den Bildern, egal mit welchem speziellen Thema sie sich befassen, die dünne Haut der Oberfläche auf, und der Betrachter bekommt Einblick in tieferliegende Schichten der menschlichen Existenz. Denn hinter der fadenscheinigen Sicherheit, die das vordergründige Alltagsgesicht dem Leben der meisten Menschen verleiht, verbergen sich im Einzelnen unendlich viele kreative Potenziale, die ihn sowohl in Angst und Erschrecken als auch in die Verantwortung, zum kreativen Schöpfer des eigenen Lebens zu werden, führen können.        

Wie angenehm, weil in der Form so archaisch reduziert, muten die „Tänzer“ an oder die surreale oder vielleicht doch alltägliche? Begegnung eines Anoraks mit einem Bademantel. Witz und Humor, die Sensibilität in der Wahrnehmung des Alltäglichen, Konkreten kommen hier zum Tragen.

Ich möchte nun zum Abschluss zu einer kleinen Bildbetrachtung der Komposition „Plötzlich war der Engel verschwunden“ kommen, zu der Ihnen der Künstler einen kleinen Text mit auf den Weg gibt……(Text).

Ich persönlich finde dieses Bild in seiner Aussage nicht nur sehr treffend durch seine Bildsprache, sondern auch hoffnungsvoll, weil es uns zumindest die Möglichkeit in den Raum stellt, die vielen Wegweiser aus unserem Inneren, die wir auf unseren konkreten Wegen im Leben, oder übertragen auf unserem Lebensweg, bekommen, lesen zu lernen und vielleicht beim nächsten Mal eher dem inneren freudvollen Zeichen zu folgen, als einem von Außen vorgegebenen.


© wog.art - W.O.Geberzahn  2017