Das goldene Zeitalter der Dystopie, Wien, C.I., 16.3.2019


Das goldene Zeitalter der Dystopie


Eine Dystopie ist, vereinfacht gesagt, eine negative Utopie, also ein Blick in die Zukunft, der dieselbe nicht in rosigen Farben malt, sondern die gesellschaftliche und globale Entwicklung sehr kritisch bis düster sieht. (Berühmte Beispiele für dystopische Romane sind beispielsweise Orwells 1984 oder H.G.Wells Schöne neue Welt.) Wenn aus dem Zustand der Welt gefolgert werden kann, dass unter Berücksichtigung aller verfügbaren Fakten, die Entwicklung eine negative sein wird, geht es darum, diese schädliche Pespektive derart darzustellen, dass die Menschen an einem Gegensteuern zum Nutzen des Planeten teilnehmen wollen und müssen!


Das Schlagwort, das den denkenden Teil der Menschheit in Atem hält, heißt Klimawandel. Was so einfach klingt spiegelt die Komplexität unseres Lebensraumes, weil aufgrund menschlichen Verhaltens und der daraus sich ergebenden globalen Entwicklung für den Planeten eine sich dynamisch verstärkende Belastung des Ökosystems entwickelt hat. In unserer Gier nach Fortschritt und Gewinn wird abgeholzt, plattgemacht, zugebaut, verfeuert, totgemacht, verpestet, vermüllt und ausgemerzt, was das Zeug hält. Aus einer reichhaltigen Natur wird immer mehr eine Szenerie des Artensterbens und der Katastrophen. Verantwortliche sitzen an langen Tischen und einigen sich niemals auf das Notwendige, sondern auf kleinste Nenner, die ihre kurzfritsigen Gewinne nicht beeinträchtigen. Das bedeutet, wir schreiten schneller auf die Katastrophe zu, als uns bewusst ist.


Und sehr gerne basteln wir an Details, zB die Autos sauberer zu machen und Plastik voll kompostierbar. Bei Autos führt die Kurzsichtigkeit zu E-Motoren, deren Speicher und Stromverbrauch zur gigantischen Umweltsünde werden. Bei Plastik will man weg vom Öl, das Bestehende soll von Enzymen oder ähnlichem aufgefressen werden, das Neue soll kompostierbar sein - man arbeitet daran, doch den Durchbruch gibt es bis heute nicht.  Währenddessen drängen Gigatonnen von Plastik in die Umwelt, vor allem in die Meere. Die Natur zerlegt das widerspenstige Material in immer kleinere Teile, wodurch die Fauna zunehmend verseucht wird. Und zuletzt landet es in der Nahrungskette in unseren Körpern. 


Hier kann und soll es nicht darum gehen, alle Ursachen von Klimawandel und Umweltzerstörung detailliert zu erörtern. Aufgrund der - man kann wohl sagen: pittoresken - Erscheinung des Plastikproblems habe ich dies quasi als „pars pro toto“ in den Mittelpunkt meiner bildnerischen Überlegungen aus dem Jahr 2018 gestellt. Die bunten Plastikteile in ihrer toxischen Häufung eignen sich sehr gut als Sinn-Bild für eine zerfallende Welt, die sich als widerspenstige Industrieware letztlich gegen uns selber wendet.

Und wenn von Industrie die Rede ist: Vielleicht sollten wir das bisherige Zeitalter der Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung gründlich überdenken, weil all die Ströme und Zerstörungen, die das ermöglichen müssen, in ihrer Masse für die Erde nicht mehr verkraftbar sind! Wenn die Polkappen abgeschmolzen und die Küstenstädte geflutet sind, allerspätestens dann wird man den globalen Warenverkehr endlich einschränken und die Belastung für die Welt reduzieren. Wozu brauchen wir Inlandsflüge, Waren aus China und aufgepimpte Avocados aus Chile? Wozu brauchen wir schwimmende Städte, genannt Kreuzfahrt, um gelangweilte Rentner an fremde Küsten zu schwemmen? Eben, all das und vieles andere brauchen wir nicht und deshalb muss es geändert werden. 


Allerdings stellt sich zuletzt die wohl wichtigste Frage, wie alles zum Besseren geändert werden kann, wenn die politisch braune Sauce, der Lobbyismus und die Ingnoranz die Politik fest im Griff haben. Unsere Politiker sind auf dem Weg in die Veränderung die größten Bremser, weil sich ihr Denken und Handeln ausschließlich an populistischen Auswürfen, an industriellen Interessen und an teuer angeheuerten Beratern orientiert. Es ist eine Schande, dass heute 16jährige Schüler die Zusammenhänge besser durchschauen als vom Volk gewählte Abgeordnete. 


Was also kann die Kunst tun? Meine Bilder sind in diesem Zusammenhang ganz persönliche Manifestationen, die dem Betrachter etwas sagen können, anregen können. Die Wirkung bleibt beim Betrachter, aber diese Bilder sind politisch - und vielleicht zeigen sie auch etwas von unserer Ohnmacht der schwierigen Zukunft gegenüber! Ich persönlich glaube, dass immer dann schon viel gewonnen ist, wenn einem ein Problem bewusst geworden ist. Und dieses Bewusstsein muss verbreitet werden!

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