Freud Wien 2019

Alles Freud!


Eine Ausstellung mit Werken von W.O.Geberzahn 

im Café International C.I. in Wien



Es gibt die Westautobahn, es gibt den Westbahnhof und es gibt Schwechat - über diese drei Einfallstore habe ich Wien in den vergangenen 30 Jahren unzählige Male besucht und jedes Mal war ich glücklich, wieder dort zu sein. Das Glücksempfinden ergab sich immer aus der Erwartung, diese herrliche Stadt wieder erleben zu dürfen. Eine Stadt, die so einzigartig ist in der heutigen Zeit, weil sie Tradition und Moderne immer in unmittelbarer Nähe verbindet. Als Journalist habe ich hier Geschichten geschrieben über Design und Architektur und habe dabei Stiegenhäuser kennen gelernt, die so einzigartig sind, dass ich es bis heute kaum glauben kann. Und nie vergessen werde ich den Restaurantbesuch in einem Beisl, als der damalige Bundespräsident Klestil am Nebentisch saß! Ja, es ist eine Nähe, die man zu den Menschen in Wien findet, die selten geworden ist in der heutigen Zeit.


Aber hier geht es um Sigmund Freud und ich gestehe, in meinen zahlreichen Wien-Besuchen nie in der Berggasse gewesen zu sein. Doch meine Frau war dort und nach fast 40jähriger Ehe mit einer Psychoanalytikerin, die sie ist, bleibt Freud in allen Lebensbereichen mehr oder weniger immer ein Thema. Als ich meine Frau Ende 1979 kennen lernte hat es mir sehr großen Spaß gemacht, aus der Welt meiner Architektur, des Designs und der Kunst in die Welt des Unbewussten vorzustoßen. Immerhin hatte hatte ich schon mal als Achtzehnjähriger die „Traumdeutung“ gelesen. Wie auch immer, die Architektur der Seele und die Architektur der Welt hatten zueinander gefunden - bis heute.


Der Alltag verschleift vieles, das eigentlich beachtet werden sollte. Es war wohl im frühen Jahr 2014, als meine Frau in Bezug auf meine künstlerischen Bestrebungen meinte, „mach doch mal was zu Freud“! Ich befand mich damals gerade in einer Phase, in der neben Leinwand und Papier das digitale Arbeiten mir großen Spaß bereitete. In der umfangreichen Bibliothek meiner Frau über das Unbewusste fand ich eine Menge Material, das ich durchstöberte auf der Suche nach Bildern, die das Innere nach Außen bringen konnten. Zur gleichen Zeit las ich Eric Kandels wunderbares Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute“, ein Buch, in dem u.a. die Verbindung von Kunst und 

Psychoanalyse um 1900 in Wien sehr tiefgreifend beschrieben wird. 


Für mich stellte sich am Anfang meiner visuellen Beschäftigung mit Freud natürlich die Frage, wie kann ich einem solchen Giganten des Geistes gerecht werden. Was kann ich all den Bemühungen anderer Künstler, die sich in großer Zahl mit Freud auseinander gesetzt haben, entgegen setzen? Also habe ich es gemacht wie immer, ich habe verschiedene Wege ausprobiert, und mich damit der Person Freud Schritt für Schritt angenähert.


Begonnen habe ich zunächst mit einigen digitalen Arbeiten und parallel dazu malte ich das Acrylbild Freud A1, das unverkäuflich in der Praxis meiner Frau hängt. So tastete ich mich in die Freud-Welt vor, die an dieser Stelle nicht vertieft einbezogen werden soll. Und Freuds Bezug zur Kunst ist letztlich nicht unumstritten, wie Marianne Kesting1969 in der „Zeit“ formuliert: „So griff die Lehre Freuds in den eigentlich letzten Bereich der Künste ein, nämlich die Darstellung des Unbewußten, des Innerlichen, der psychischen Gegebenheiten, auf die sich die Literatur seit der Jahrhundertwende zurückgezogen hatte. Freud machte schließlich auch diesen Bereich der wissenschaftlichen Erforschung zugänglich. Die Kunst verlor damit, wie der Philosoph Odo Marquard in einer Untersuchung feststellte, "ihre ausgezeichnete Stellung". Denn Kunst wurde im Blickpunkt der Psychoanalyse "Funktion von etwas, das nicht Kunst ist“.“


Gerade in meinen digitalen Arbeiten ging es mir aber ganz besonders darum, das Unfassbare des Unbewussten in der Kunst auf die Person und das Wesen von Freud zu projizieren. Dieses Unterfangen kann nur gelingen, wenn man im Bereich des Ungefähren bleibt, im Bereich dessen, das das Unbewusste anreißt, aber naturgemäß nur undeutlich darstellen kann. Das Zufällige, der Persönlichkeit entlehnt, spielt hier eine wesentliche Rolle.


Bei meinem Acrylbild Freud A 1 habe ich für das Herangehen eine simple Technik verwandt: Mit Weißhöhungen habe ich das Porträt aus dem Schwarz herausgearbeitet. Anders ausgedrückt: ich habe das Dunkel mit so viel Licht erfüllt, dass die Persönlichkeit erkennbar wird! Alles andere bleibt im Dunkel, im Unbewussten, im Ungefähren!


Freud hat bei vielen seinen Schülern das Bewusstsein hervorgerufen, nun griffige Instrumente zur Analyse des Bewussten und Unbewussten an die Hand zu bekommen. Doch hundert Jahre später stellt sich vieles anders dar, die Naturwissenschaften und die Kunst kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. So schreibt der Quantenphysiker und Heisenberg-Mitarbeiter Hans-Peter Dürr: „In der Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, ein Dazwischen, das Unentschiedene. Daran müssen wir uns gewöhnen. Solange wir uns etwas vorstellen können, liegen wir falsch. Wenn mir etwas schwammig vorkommt, komme ich der Wirklichkeit am nächsten. Denn Aussagen über sie sind vieldeutig.“ 


Bei den Zeichnungen in Bleistift, Kohle und Aquarell habe ich mich an alten Fotos orientiert und versucht, die Bildinhalte nach meiner Wahrnehmung und Empfindung zu interpretieren. Das alles wirkt auf den ersten Blick eher konventienell, birgt aber viele Anspielungen und Hinweise im Detail. 


Mit Freud haben sich in den vergangenen hundert Jahren zahlreiche Künstler beschäftigt. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang die großartige Ausstellung „Wiener Diwan“ aus dem Jahr 1989 im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, an der von Armleder bis Warhol ca 50 international renommierte Künstler teilnahmen. Es wäre wohl interessant zu wissen, wie Freud so unterschiedliche Arbeiten zu seinen Ehren von Louise Bourgeois, Gilbert & George, Keith Haring, Julian Schnabel, Roy Lichtenstein oder Bruce Nauman analysiert hätte. Ob er bei den so total unterschiedlichen Stilen der Arbeiten immer noch zuerst von der Vita des Künstlers ausgegangen wäre, wie er es früh bei Leonardo getan hat? Wahrscheinlich wäre hier der Kunsthistoriker Ernst Kris (1900-1957) gefragt gewesen, in dem Freud ein perfektes Bindeglied zwischen Psychoanalyse und Kunst erkannte. Und Kris war es auch, der den Begriff der Mehrdeutigkeit ins Spiel brachte, denn vom Grad der Mehrdeutigekeit hänge der Anteil des Betrachters ab, in sich das Bild zu schaffen und zu erleben! Diese Auffassung nimmt das Unentschiedene und Schwammige des Quantenphysikers Dürr vorweg!


Betrachten wir deshalb abschließend Freud 4, ein Acrylbild von 2017. Hinter dem figurativen Freud-Portät sehen wir in unterschiedlichen Tiefen geometrische und abstrakte Formen, die vieles bedeuten können  und in ihrer Mehrdeutigkeit an die oben beschriebenen Theorien sehr konsequent anknüpft.


Wie wir es auch betrachten, der Titel dieser Ausstellung ist ebenso mehrdeutig, wie oben beschrieben, und das auf verschiedenen Ebenen; denn diese hier gezeigten Bilder thematisieren Freud; denn wenn „Alles Freud“ ist, müssen wir Freud in nahezu allem finden; denn wenn wir Freud in nahezu allem finden, können wir Freud nicht mehr ausweichen; denn letztlich geht es nur um das Eine: Was ist uns bewusst, was nicht! Und wenn wir in diesem Dazwischen weiter suchen, finden wir eine ganze Menge, zumindest über uns selbst! Und in Wien - gleich, wie man hinkommt (siehe oben) - kann man die Mehrdeutigkeit finden, überall, an jeder Ecke, in jedem Museum und an jedem Würstelstand!



W.O.Geberzahn


Juli/August 2019


https://www.geberzahn.com/freud/index.html




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